62 – Kulturkampf um den Heiligen Rock

1 Antwort

  1. Johannes Heck sagt:

    Ihr lieben Kolleg*innen,
    mit großer Freude höre ich – noch ohne zu bezahlen – Eure Podcasts und auch diese Folge mit Gewinn. Allerdings bin ich nun zum zweiten Mal darüber gestolpert, dass Ihr Düsseldorf „traditionell“ bzw. protestantisch nennet (ca. bei 0:53:16) als es um die Frage der Provinzhauptstadt meiner rheinischen Heimatprovinz geht.

    „Müsste Düsseldorf gewesen sein, weil die sind traditionell auch evangelischund gehörten schon lange den Brandenburgern.Und entsprechend haben die sich da wohler gefühlt als in Köln,so der anderen großen heiligen Stadt.“

    Das ist in mehrfacher Hinsicht falsch (und es ist typisch für den Düsseldorfer, dass er anders als der Kölner sofort pikiert aufschreit, wenn falsches über sein Heimatdörfchen verbreitet wird 😉 ):

    a) Die Provinzhauptstadt (Sitz des Oberpräsidenten) war Koblenz (bis Preußen aufgelöst und die Provinz auf drei Bundesländer aufgeteilt wurde). In Düsseldorf saß seit seit seiner Gründung im März 1824 zwar die Ständeversammlung bzw. später der Provinziallandtag und ein Regierungspräsident aber die Hauptstadt der Provinz blieb Koblenz.

    b) Düsseldorf war nie traditionell evangelisch – en contraire mes frères! Zwar war es unter den Herzögen von Jülich-Kleve-Berg (v.a. Wilhelm V.) durchaus offen für das lutherische und reformierte Bekenntnis geworden, schon mit Wilhelms Niederlage im Dritten Geldrischen Erbfolgekrieg erzwang Kaiser Karl V. (1543) allerdings Maßnahmen gegen die Reformation. Wenn der Streit bei Hof auch weiterging, blieb Düsseldorf offiziell katholisch. Mit dem Tod des – eigentlich als Bischof von Münster vorgesehenen – Johann Wilhelm I (1609) begannen die Auseinandersetzungen zwischen Pfalz-Neuburg und Brandenburg (ja… das sind die Hohenzollern) um Jülich-Kleve-Berg und tatsächlich waren beide Prätendenten (Wolfgang Wilhelm wie Johann Sigismund) lutheriisch. Indes…Wolfgang Wilhelm konvertierte 1613 in München heimlich zu den Papisten und der Erbstreit führte zur Aufteilung des Tripleherzogtums Jülich-Kleve-Berg unter Pfalz-Neuburg und Brandenburg. So sehr ich mich als Rheinpreuße fühle – Berg und Düsseldorf fielen damals im Gegensatz zu Kleve, Mark und Ravensberg NICHT an Brandenburg. (und daher übrigens die Preußen in Wesel und Minden. Düsseldorf wurde pfälzisch-wittelsbacherisch und bleib katholisch. Zumindest absolut mehrheitlich und – da ist es eben das Rheinland – offiziell.

    So sind die zwei alten protestantischen Kirchen in Düsseldorf (Berger Kirche und Neanderkirche) in den 1680ern als „Hinterhofkirchen“ (analog zu den Hinterhofmoscheen unserer Tage) zwar toleriert aber doch versteckt worden.

    Auch der in den meisten Düsseldorfer Stadtteilen (außer Kaiserswerth, dass er in Schutt und Asche schießen ließ) verehrte Johann Wilhelm II. änderte daran wenig – Toleranz unter der Hand aber offiziell Katholizismus. Protestant*innen blieben eine kleine aber feine (und fest verankerte) Minderheit.

    Als wir 1815 endlich preußisch wurden… war die große Mehrheit katholisch und tatsächlich war der Katholizismus ein Element der „Preußenfeindlichkeit“ der „kleinen Leute“ in Düsseldorf. Clara Viebigs Roman „Die Wacht am Rhein“, die die Geschichte Düsseldorfs von den 1840ern bis zur Reichsgründung erzählt, illustriert das wunderbar. Nur die Eliten (Militär, Verwaltung,…) kam aus Ostelbien und war protestantisch gleich den nach Düsseldorf zuziehenden Industriekapitänen (Poensgen oder der Rheinmetallgründer). So wurde die Konfession auch eine Klassenfrage – protestantische „Neu“-Eliten und „alteingesessene“. Die Preußen waren bei den kleinen Leuten begrenzt beliebt. Die berühmte Königsallee heißt eigentlich nur so, weil der Stadtrat sich in den 1850ern bei FWIV entschuldigen wollte. Als dieser 1848 dort mit der Kutsche entlangfuhr, wurde er mit Pferdeäpfeln beworfen. Danach war Düsseldorf bei den Hohenzollern bis 1918 „verrufen“.

    Die Stadt – man kann es sich heute nicht mehr vorstellen – war nicht nur nicht protestantisch.. sie war was die „kleinen Leute“ anging auch bis 1933 ziemlich „rot“. Im 19. Jahrhundert galt sie als „Hauptort der Anarchie und Unruhe im rheinland“ (finde den Quellenbeleg gerade nciht, war ein stellv. Regierungspräsident).

    So… genug gekluggescheißert. 🙂 Macht einfach weiter mit Eurem tollen Podcast und wenn Ihr mal was zum Rheinland und Düsseldorf machen wollt, meldet Euch gerne!

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