„Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“ Mit diesem Satz von Fritz Bauer steigen wir ein und fragen uns, wie Auschwitz in der jungen Bundesrepublik überhaupt vor Gericht kam – und gegen wie viel Widerstand. Wir starten im Dezember 1963 in Frankfurt und gehen dann zurück zu dem hessischen Generalstaatsanwalt, der diesen Prozess möglich gemacht hat. Unterwegs begegnen uns ein Eid auf Hitler persönlich, ein Einbruch in ein Frankfurter Büro und Briefe voller Hass. Und am Ende die Frage, was von einer Aufarbeitung bleibt, wenn der eine Mensch fehlt, der sie vorantreibt.
Herkunft, Studium und eine Beleidigung
Fritz Bauer wird 1903 in eine liberale, assimilierte jüdische Familie geboren (in Stuttgart! nicht in Tübingen, wie Solveig in der Folge sagt), die sich als deutsch und national-konservativ versteht. Der Vater meldet sich im Ersten Weltkrieg freiwillig, auch ein Onkel zieht an die Front – ein Detail, das wichtig ist, weil später das Gerücht die Runde macht, Juden hätten sich gedrückt. 1921 beginnt Bauer sein Jurastudium in Heidelberg, später wechselt er nach Tübingen. An den Universitäten wächst der Antisemitismus, befeuert von der Dolchstoßlegende; Studentenverbindungen nehmen keine Juden auf, was gerade im Jurastudium auch die Karriere bedroht. 1927 promoviert Bauer im Wirtschaftsrecht und wird Richter in Stuttgart.
1931 greift ihn die NS-Zeitung „NS-Kurier“ persönlich an und unterstellt ihm, vertrauliches Aktenmaterial an die SPD-Zeitung „Schwäbische Tagwacht“ weiterzugeben. Bauer stellt Strafantrag und bekommt in Teilen recht, wird aber trotzdem vom Strafrecht ins Zivilrecht versetzt. Wir fragen uns, ob das eine Maßnahme war, um ihn aus der Schusslinie zu nehmen.
Verfolgung, Haft und Exil
Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums beendet 1933 seine Richterlaufbahn, wenig später verliert er auch die Anwaltszulassung. Schon am 23. März 1933 wird Bauer, der der SPD nahesteht und im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold aktiv war, ins KZ Heuberg gebracht. Dort begegnet er Kurt Schumacher, den er sein Leben lang bewundert. Im November 1933 kommt Bauer frei; ob er dafür eine Unterwerfungserklärung unterschrieben hat, lässt sich nicht belegen. Über seine Haft hat er sonst nie gesprochen.
1934 emigriert seine Schwester Margot mit ihrem Mann nach Kopenhagen, 1936 folgt Bauer. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1940 wird er drei Monate interniert, im Oktober 1943 gelingt der Familie die Flucht nach Schweden. Dort gibt er mit Willy Brandt die „Sozialistische Tribüne“ heraus. Margot kehrt nie nach Deutschland zurück.
Der Remer-Prozess
Schon im Mai 1945 will Bauer zurück und schreibt im Dezember an die Amerikaner; es dauert bis 1949. Ronen Steinke, auf dessen Biografie wir uns stützen, erklärt die Verzögerung auch mit Misstrauen gegenüber jüdischen Beamten, von amerikanischer wie von deutscher Seite. Wer jüdisch war, gab damals oft „glaubenslos“ an; auch Bauer tut das. Deshalb fragen wir uns, ob er wirklich ein überzeugter Atheist war oder gelernt hatte zu schweigen – eindeutig lässt sich das aus unserer Sicht nicht sagen.
1950 wird Bauer Generalstaatsanwalt in Braunschweig. 1952 klagt er Otto Ernst Remer an, der 1944 an der Niederschlagung des Umsturzversuchs beteiligt war, die Sozialistische Reichspartei mitgegründet hatte und die Attentäter des 20. Juli als „Landesverräter“ bezeichnete. Im Remer-Prozess argumentiert Bauer, ein Eid auf einen einzelnen Menschen sei der deutschen Rechtsgeschichte vor Hitler unbekannt, das Dritte Reich ein Unrechtsstaat. Das Gericht verurteilt Remer nur wegen Beleidigung, nicht wegen übler Nachrede, folgt Bauer aber in der Einordnung des NS-Staates. Wir lesen darin eine erste juristische Anerkennung dieses Unrechts – und zugleich ein Opfer-Narrativ, das nach 1945 schnell Konjunktur hatte.
Der Hinweis auf Eichmann
Seit 1956 arbeitet Bauer in Frankfurt. 1957 erreicht ihn ein Brief von Lothar Hermann, der als Jude nach Argentinien geflohen war und wusste, wo sich Adolf Eichmann aufhielt. Bauer gibt die Information an den israelischen Diplomaten Felix Shinnar weiter; der Mossad ist zunächst skeptisch, Bauer hakt mehrfach nach. Den deutschen Geheimdienst umgeht er, weil er fürchtet, dass Eichmann gewarnt würde und verschwände. Wenige Wochen vor der Festnahme am 11. Mai 1960 bricht ein Mossad-Mitarbeiter in Bauers Büro ein und fotografiert die Akte. Dass Bauer beteiligt war, wird erst 1968 durch einen Nachruf in der israelischen Presse bekannt. Der Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (2015) widmet sich vor allem dieser Episode.
Der Frankfurter Auschwitz-Prozess
1959 leitet der Journalist Thomas Gnielka Unterlagen von Emil Wulkan an Bauer weiter, die dieser aus dem brennenden SS- und Polizeigericht in Breslau gerettet hatte: vorgedruckte Ermittlungsschreiben zu „auf der Flucht erschossenen“ Häftlingen, unterzeichnet unter anderem von Rudolf Höß und seinem Adjutanten Robert Mulka. Der Bundesgerichtshof beauftragt Bauer mit dem Ermittlungsverfahren. Er überträgt die Arbeit an seine „junge Riege“, vor allem Joachim Kügler und Georg Friedrich Vogel, später kommt Gerhard Wiese dazu – Angehörige der Flakhelfer-Generation, von der Bauer hofft, dass sie nicht im NS-System ausgebildet wurde.

Die Staatsanwälte nehmen rund 1500 Zeugenaussagen auf, 211 Zeugen werden im Prozess vernommen, und sie recherchieren 599 mögliche Täter, von denen nur 23 angeklagt werden können. Am 16. April 1963 wird Anklage erhoben; der vorgesehene Hauptangeklagte Richard Baer stirbt im Juni 1963 in Untersuchungshaft, sodass 22 Angeklagte bleiben. Der Prozess beginnt am 20. Dezember 1963, die Urteile fallen am 19. und 20. August 1965. Dass wir so viel über ihn wissen, liegt an den Tonbändern, die „zur Stütze des Gedächtnisses“ mitliefen und heute auf auschwitz-prozess.de zu hören sind.
Befehlsnotstand, Schlussstrich und Nachwirkung
Die Angeklagten berufen sich auf Soldateneid und Befehlsnotstand. Das Gericht folgt dem nicht: Man habe nein sagen können. „Ihr hättet Nein sagen müssen“, sagt Bauer in einem Radiointerview; wir denken dabei auch an die Antigone, die wir in diesem Jahr schon besprochen haben.
Die Mehrheit der Gesellschaft sieht das anders. Umfragen aus dieser Zeit zeigen, dass 63 Prozent der Männer und 76 Prozent der Frauen einen Schlussstrich wollen, und Bauer erhält Briefe voller Hass, in denen ihm Rachsucht unterstellt wird. In einer Fernsehdiskussion mit Studierenden im „Kellerclub“ 1964 erleben wir ihn dagegen versöhnlich und bedacht. Im eigentlichen Prozess hält er sich zurück; die Verhandlung führen Kügler, Vogel und Wiese, Kügler fällt dabei durch seine Schärfe auf. Beruflich macht von den dreien später niemand wirklich Karriere; Kügler eröffnet kurz nach dem Prozess eine Kanzlei und verteidigt laut Steinke später auch NS-Täter.
Nach Bauers Tod 1968 geraten die Verfahren wieder ins Stocken, ein von ihm angestrebter Prozess zu den Euthanasie-Verbrechen findet nicht statt. Solveig schließt mit einem persönlichen Gedanken: Wer aus der Mehrheitsgesellschaft kommt, kann sich irgendwann zurückziehen – für Bauer ging es um das eigene Leben.
| Fritz Bauer | Jurist, 1950 Generalstaatsanwalt in Braunschweig, ab 1956 in Frankfurt; treibende Kraft hinter dem Auschwitz-Prozess |
| Auschwitz-Prozess | Frankfurter Prozess 1963–1965 gegen Robert Mulka und 21 weitere Angeklagte |
| Robert Mulka | Adjutant des Lagerkommandanten Rudolf Höß, Hauptangeklagter im Frankfurter Prozess |
| Remer-Prozess | Braunschweiger Prozess 1952, in dem Bauer das NS-Regime als Unrechtsstaat einordnete |
| Otto Ernst Remer | Mitgründer der Sozialistischen Reichspartei, bezeichnete die Attentäter des 20. Juli als Landesverräter |
| Kurt Schumacher | SPD-Politiker, mit Bauer im KZ Heuberg; für ihn ein Vorbild |
| Adolf Eichmann | Organisator der Deportationen; 1960 in Buenos Aires festgenommen, auch auf Hinweis Bauers |
| Joachim Kügler | Staatsanwalt im Auschwitz-Prozess; wechselte später in die Strafverteidigung |
| Ronen Steinke | Autor der Bauer-Biografie, auf der ein großer Teil der Folge beruht |
| Befehlsnotstand | Rechtfertigungsversuch der Angeklagten, vom Gericht zurückgewiesen |
Verwandte Folgen
- Die vergebliche Hoffnung der Haskala (Nachlapp): was „assimiliert“ im 19. und frühen 20. Jahrhundert bedeutet, Hintergrund für Bauers Familie.
Literatur etc.
- Ronen Steinke: Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht. München: Piper 2013.
- Der Staat gegen Fritz Bauer. Spielfilm, Deutschland 2015.
- Tonbandmitschnitte des Auschwitz-Prozesses, online unter auschwitz-prozess.de (Fritz Bauer Institut; Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes).
- Fernsehdiskussion mit Fritz Bauer im „Kellerclub“, 1964.
Im Nachklapp für unsere Steady-Unterstützer:innen geht es um die Verjährungsdebatte und die Rolle der 68er bei der Ausarbeitung der NS-Verbrechen.
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Musik
- Béla Bartók: Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta (Sz 106), Radio-Symphonie-Orchester Berlin, Ferenc Fricsay, Aufnahme von 1954. Quelle: oer-musik.de (CC0), archiviert durch die Bayerische Staatsbibliothek.
- Erik Satie: Gnossienne, Edward Rosser. Quelle: Musopen (CC PD)


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