Queerbaiting statt Heldenepos?

Heute feiert Flurfunk Geschichte eine ganz besondere Premiere: Solveig hat sich einen langjährigen Traum erfüllt und ihren ersten Video-Essay auf unserem YouTube-Kanal veröffentlicht. Inhaltlich schließt sie damit direkt an unsere letzte Podcast-Folge „Hermann und der deutsche Geist“ an. Während wir im Podcast die 200-jährige Rezeptionsgeschichte des Arminius-Mythos beleuchtet haben, wirft Solveig im Video einen Blick auf die filmische Umsetzung durch Netflix. Dabei dekonstruiert sie nicht nur das moderne Bild des „germanischen Helden“, sondern legt den Finger auch in die erzählerischen Wunden der zweiten Staffel.

Marbod und Flavus: Mutloses Queerbaiting

Ein zentraler Aspekt ihrer Analyse ist die komplexe Dynamik zwischen Marbod (Murathan Muslu), dem Anführer der Markomannen, und Arminius’ Bruder Flavus (Daniel Donskoy). Solveig arbeitet heraus, dass die Serie hier eine Chance auf echte, moderne Repräsentation verspielt. Obwohl die Chemie zwischen den beiden Charakteren und ihre gemeinsame Vergangenheit in Rom eine tiefe, romantische Verbundenheit andeuten, flüchtet sich das Drehbuch letztlich in vages Queerbaiting. Anstatt die angedeutete homosexuelle Liebesbeziehung konsequent auszuerzählen und damit das toxische Bild des maskulinen Kriegers aufzubrechen, scheint die Produktion im entscheidenden Moment der Mut verlassen zu haben.

Für Solveig ist das besonders enttäuschend, da die eigentliche, schmerzhafte Suche nach Identität und Loyalität bei diesen beiden Figuren stattfindet, während Arminius (Laurence Rupp) selbst auf seiner Identitätssuche im Weizenfeld stecken geblieben zu sein scheint.

Dabei richtet sich ihre Kritik nicht gegen die schauspielerische Leistung der Darsteller, sondern gegen die Klischee besetzte Konstruktion der Figuren.

Bossbabes und Weizenfelder

Über die männlichen Hauptrollen hinaus hinterfragt Solveig kritisch die Darstellung der Frauenbilder, allen voran Thusnelda (Jeanne Goursaud). Sie analysiert die Figur als ein modernes, aber oberflächliches „Bossbabe“-Klischee: Eine von Männern geschriebene Kriegerin, die zwar äußerlich unabhängig wirkt, deren Handlungsspielraum aber eng an die männlichen Protagonisten geknüpft bleibt. Dies setzt sie in Bezug zur historischen Kunstgeschichte und zeigt auf, wie Thusnelda schon im 19. Jahrhundert – etwa bei den Malern Piloty oder Tischbein – als Projektionsfläche für nationale Ideale herhalten musste. Flankiert wird diese Kritik durch einen Blick auf die Römer-Darstellung, die in der Serie zum eindimensionalen Zerrbild des „absolut Bösen“ verkommt.

Ein Fazit zwischen Lob und politischer Forderung

Trotz ihrer deutlichen Kritik am Storytelling vergisst Solveig nicht, die archäologische Detailverliebtheit insbesondere der ersten Staffel zu würdigen. Die Serie verdankt dies der Fachberatung von Kaptorga, die während der ersten Staffel als historische Berater tätig waren.

So hebt sie beispielsweise die korrekte Einbindung der berühmten Maske von Kalkriese hervor und schlägt eine Brücke zur regionalen Geschichte des Osnabrücker Landes. Letztlich ist ihr Video-Essay jedoch ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr erzählerischen Mut im deutschen Film.

Wer wissen will, warum wir auch heute noch über „Hermann“ diskutieren und warum moderne Geschichtsvermittlung mehr sein muss als nur Action im Wald, sollte sich dieses Video nicht entgehen lassen. Schaut jetzt auf unserem Kanal vorbei, abonniert uns und schreibt uns in die Kommentare: Hat Netflix hier eine große Chance für eine zeitgemäße Geschichtserzählung vertan?

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