Wie versprochen geht es zurück ins Mittelalter – oder zumindest in das, was das deutsche Kino dafür hält. In ihrem neuen Video-Essay nimmt sich Solveig 1½ Ritter – Auf der Suche nach der hinreißenden Herzelinde vor, Til Schweigers Ritterkomödie aus dem Jahr 2008. Muss es wirklich noch ein Video über Til Schweiger geben? Solveig findet: ja. Denn der Film, laut Schweiger ein „Kinderfilm“, erzählt erstaunlich viel darüber, wer in einer Geschichte Held sein darf – und wer nur Belohnung, Hindernis oder Pointe ist.

Ein Ritter, ein Sidekick, eine Prinzessin
Zunächst geht es durch die Handlung: Ritter Lanze soll die entführte Prinzessin Herzelinde befreien, an seiner Seite der Trickbetrüger Erdal (Rick Kavanian). Unterwegs warten ein Robin-Hood-Verschnitt, eine Seherin, eine Hippie-Kommune rund um den Schwarzen Ritter (Tobias Moretti) und am Ende eine Intrige am Königshof. Solveig ordnet den Film zwischen (T)Raumschiff Surprise, Shrek und Robin Hood – Helden in Strumpfhosen ein – und erklärt, warum sie den Vergleich mit Monty Python eher unpassend findet.
Heldenreise, C. G. Jung und die Hummer
Im Zentrum steht die Heldenreise, die Solveig schon im Kleopatra-Video angerissen hat. Sie verfolgt das Konzept zurück zu C. G. Jung und seiner Lehre vom kollektiven Unbewussten und fragt, was aus diesen Archetypen wird, wenn Jordan B. Peterson sie für ein Publikum junger Männer neu auflegt – samt Hummern und „männlicher Dominanzhierarchie“. Besonders deutlich wird dabei, wo Frauen in Jungs System vorkommen: fast ausschließlich im Archetyp der Mutter. Eine Heldinnenreise ist darin nicht vorgesehen.

Wer ist hier der richtige Mann?
Mit diesem Werkzeug seziert Solveig die Figuren des Films: Lanze als weißer, maskuliner Fixpunkt, Morettis Schwarzer Ritter als belächeltes Gegenbild, Erdal als orientalistisches Stereotyp, die queer codierten Bösewichte und Herzelinde als jungfräuliche Belohnung am Ende der Reise – eine Variante der Madonna-Hure-Dichotomie. Dabei geht es ihr nicht darum, den Film noch einmal schlechtzumachen, sondern um die Frage, welche Männlichkeit er seinem Publikum als Vorbild anbietet.
Folterkeller, Keuschheitsgürtel und Grimms Märchen
Zum Schluss wird es mittelalterlich im engeren Sinn: Was hat es mit dem umgebauten Ottonenkeller der Burg Querfurt auf sich, was mit Keuschheitsgürteln, dem Ius primae noctis oder der flachen Erde? Und warum beginnt schon der Trailer mit „Es war einmal“? Über Aschenputtel, Frau Holle und König Drosselbart landet Solveig bei den Brüdern Grimm – und bei der These, dass Märchen wie Film eher Aufsteigergeschichten erzählen als Liebesgeschichten. Das Mittelalter ist dabei vor allem eins: ein Gefühl, auf das wir unsere eigenen Wünsche projizieren.

Und wer bis zum Ende dranbleibt, sieht in den Outtakes, wie sehr Kerzen, Kamera und Licht bei diesem Dreh gegen Solveig gearbeitet haben.
Zum Video auf YouTube · @flurfunkgeschichte
| 1½ Ritter | Ritterkomödie von und mit Til Schweiger (2008) |
| Til Schweiger | Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller (Ritter Lanze) |
| Rick Kavanian | Darsteller des Erdal |
| Tobias Moretti | Darsteller des Schwarzen Ritters |
| Heldenreise | Erzählmuster, an dem Solveig den Film misst |
| C. G. Jung | Schweizer Psychiater, Theorie der Archetypen und des kollektiven Unbewussten |
| Jordan B. Peterson | Kanadischer Psychologe, popularisiert Jung für ein junges männliches Publikum |
| Brüder Grimm | Märchensammler, Ursprung der Formel „Es war einmal“ im deutschen Märchen |
Verwandte Folgen
- FG005 – Romantisches Mittelalter: Die Podcastfolge, auf die Solveig im Video verweist – zur Mittelaltersehnsucht der Romantik.
- FG053 – Die Madonna und die Hure: Vertieft das Frauenbild, das auch Herzelinde prägt.
- FG012 – Die schwule Hofkamarilla: Für alle, die bei Solveigs Maximilian-Harden-Seitenhieb hellhörig geworden sind.
- Video „Das Patriarchat und Kleopatra“: Solveigs vorheriges Essay, in dem sie die Heldenreise zum ersten Mal anspricht.
Literatur
- Carl Gustav Jung: Über die Archetypen des kollektiven Unbewußten (1934) und Die psychologischen Aspekte des Mutterarchetypus (1938), beide in: ders.: Die Archetypen und das kollektive Unbewußte (Gesammelte Werke, Bd. 9/1).
- Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen, Nr. 21 (Aschenputtel), Nr. 24 (Frau Holle), Nr. 52 (König Drosselbart).
- Konrad Kyeser: Bellifortis (um 1402–1405).
- Süddeutsche Zeitung: Im Kino: „1 1/2 Ritter“ – Willst du meine Lanze schmirgeln?, sueddeutsche.de, Dezember 2008.
- Jugendmedienkommission (Österreich): Alterskennzeichnung zu 1½ Ritter.
- Burg Querfurt: Angaben zu den Dreharbeiten im Ottonenkeller, Website der Burg.


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