5 – Romantisches Mittelalter

Trutzige Burgen, edle Damen und mutige Ritter im Kampf für das Reich und Kaiser Barbarossa. Dazu der einfache fromme Bauer, ausgebeutet von fanatischen Priestern und prunksüchtigen Bischöfen. Nur ein paar Momente aus verbreiteten Mittelalterbildern. Aber was war das Mittelalter eigentlich? Oder vielmehr wo?

Was ist das Mittelalter – und wo liegen seine Grenzen?

Das Mittelalter lässt sich zeitlich (ca. 500–1500 n. Chr.) und räumlich (lateinisch-christlich geprägtes Mitteleuropa) recht klar eingrenzen – China oder das orthodoxe Byzanz fallen entsprechend nicht darunter. Die Jahreszahlen selbst sind keine Naturgesetze, sondern bequeme, in der frühen Mediävistik gewählte Rundungen: 500/511 markiert die Taufe Chlodwigs I., 1500 bündelt Kolumbus, die abgeschlossene Rekonquista und Luthers Thesenanschlag 1517.

Zwei verzerrte Bilder: Aufklärung und Reformation

Erst mit der Etablierung der Geschichtswissenschaft entsteht die Dreiteilung Antike–Mittelalter–Neuzeit – und mit ihr das Bild vom Mittelalter als dunklem „Klotz“ zwischen zwei glanzvolleren Epochen, das die Aufklärer prägen. Ebenso prägend ist die Reformation: Schlagworte wie Ablasshandel oder eine nur an Macht interessierte Kirche gehen auf ihre Polemik zurück und werden bis heute unreflektiert weitergetragen. Eng damit verknüpft ist das Gottesgnadentum – die Vorstellung, dass Herrscher unmittelbar von Gott eingesetzt sind, was Religion und weltliche Macht im Mittelalter praktisch untrennbar macht.

Romantik, Grimm und die Suche nach der Nation

Eine dritte, jüngere Prägung liefert die Romantik um 1800: rheinische Ruinen werden im 19. Jahrhundert im Stil der Neugotik restauriert oder wie Schloss Drachenburg komplett neu erfunden. Jacob Grimm postuliert in seiner „Deutschen Mythologie“ eine germanische Göttin „Ostara“ – gestützt einzig auf eine Nebenbemerkung bei Beda Venerabilis, die eher dagegen spricht. Solche Konstruktionen dienten im 19. Jahrhundert gezielt der Suche nach einer gemeinsamen deutschen Identität – ein Muster, das laut Daniel und Solveig bis heute in populären Erzählungen übers Mittelalter fortwirkt.

Das Nauener Tor in Potsdam ist der erste bauliche Ausdruck von romantischen Mittelaltervisionen.

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