71 – Siegfried Wagner und der Bayreuther Wahn

Am heißesten Tag des Jahres geht es um zwei Männer und um zwei Dinge, die im Juli zusammenfallen: die Bayreuther Festspiele und das Ende des Pride Month. Weil man das eine nicht ohne das andere versteht, beginnt Solveig nicht mit Siegfried, sondern mit dem Vater – jener Person aus dem „Personenkreis, über den wir eigentlich nie sprechen wollten“, wie Daniel trocken anmerkt.

Vom Heine-Fan zum Hetzer: Richard Wagner

Richard Wagner ist zunächst ein glühender Bewunderer Heinrich Heines, dichtet sogar in dessen Stil und trifft ihn um 1839/40 in Paris. In den 1840ern kippt die Verehrung: Wagner leugnet fortan, Heine je geschätzt zu haben, und wendet sich von Modernität und Kosmopolitismus in der Kunst ab – für Solveig antisemitische Dog Whistles. 1850 kulminiert das in der Hetzschrift Das Judenthum in der Musik, erst unter dem Pseudonym „K. Freigedank“, 1869 überarbeitet unter echtem Namen und bestärkt von seiner zweiten Frau Cosima. Besonders perfide trifft es Felix Mendelssohn Bartholdy, dem Wagner Talent zugesteht, nur um ihm die tiefe Wirkung abzusprechen. Sein Einfluss ist real: Danach gilt Mendelssohn zunehmend als sentimental und weichlich – wobei sichtbar wird, wie eng Antisemitismus und Antifeminismus verzahnt sind. Wagners „Lösung“ ist die Taufe, obwohl Heine wie Mendelssohn getauft waren und es ihnen nichts nützte.

Wahnfried und der Bayreuther Kreis

Zwischen 1850 und 1880 schafft Wagner seine großen Werke und deutet sie zu „deutschen“ Mythen um, auch wo die Stoffe französisch sind. 1871 lässt er sich in Bayreuth nieder; die Villa Wahnfried wird zum Herzstück der Familie. Nach seinem Tod 1883 führt Cosima die Festspiele mit harter Hand und wird zur „hohen Frau“, während Wagner „der Meister“ bleibt. Um Wahnfried entsteht etwas Sektenhaftes: Reliquienkult um Flügel und Dirigierstab, dazu der Bayreuther Kreis, in dem deutschnationale, antisemitische und rassistische Ideen zu einer regelrechten Heilserwartung verschmelzen – „an Wagners Wesen soll die Welt genesen“. Zum Scharnier zwischen Bayreuth und der späteren NS-Ideologie wird Houston Stewart Chamberlain, der mit Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts (1899) ein Werk vorlegt, das über Alfred Rosenberg bis zu Hitler wirkt und sich seinerseits aus Arthur de Gobineau speist.

Und hier trifft es uns dann doch: Ausgerechnet Philipp zu Eulenburg, der bei uns bislang eigentlich immer ein Good Boy war, entpuppt sich als glühender Gobineau-Verehrer, der dem Franzosen sogar einen begeisterten Nachruf schrieb. Gobineau soll gesagt haben, nur zwei Männer hätten seine rassistischen Ideen wirklich verstanden: Richard Wagner und Philipp zu Eulenburg. Ein herber Verlust für unsere Sympathien – „na, vielen Dank auch“.

Clement Harris und die Reise „in den Osten“

In dieses Umfeld wird Siegfried Wagner hineingeboren; mit 13 verliert er den Vater und ist als einziger Sohn dynastisch als Erbe gesetzt – dabei wollte er eigentlich Architekt werden. Den Wendepunkt bildet eine sechsmonatige Seereise 1892 mit seinem Freund Clement Harris nach Kanton, Singapur und Hongkong, nach der er das Erbe annimmt. Auffällig: Von seinen 173 Memoirenseiten entfallen 103 auf diese Reise, während er über Gefühle schweigt; der einzige zärtliche Satz über Clement steht in einem nicht aufgenommenen Reisebericht. Harris fällt 1897 mit 25 Jahren im türkisch-griechischen Krieg; Siegfried behält zeitlebens sein Bild auf dem Schreibtisch und widmet ihm inoffiziell zwei symphonische Dichtungen, Sehnsucht (1892) und Glück (1923). Die Folge verhandelt hier, wie schwierig gleichgeschlechtliches Begehren historisch fassbar ist – zumal es unter Paragraph 175 kriminalisiert war.

Druck von allen Seiten

1914 gerät die Familie unter Druck. Isolde, Cosimas Tochter, verklagt die Familie erfolglos auf Anerkennung als Wagner-Tochter statt von Bülow. Im Zuge des Prozesses lässt der Journalist Maximilian Harden – der schon Eulenburg zu Fall gebracht hatte und selbst getaufter Jude war – die Bemerkung fallen, die der Folge ihren Titel gibt: Siegfried als „Heiland aus andersfarbiger Kiste“. Parallel laufen 1913 die Urheberrechte an Wagners Werken aus; das Bemühen um Verlängerung scheitert am Reichstag, was die Familie prompt einer „jüdisch-sozialistischen Verschwörung“ zuschreibt. Wegfallende Tantiemen und drohender Skandal führen dazu, dass der mit 46 noch unverheiratete Siegfried rasch mit der 18-jährigen, aus völkisch-nationalem Milieu stammenden Winifred Williams verheiratet wird.

Nähe und Distanz zum Nationalsozialismus

Winifred wird als glühende Hitler-Verehrerin berüchtigt. Ob Siegfried diese Begeisterung teilte, bleibt fraglich – Hitler selbst nennt ihn 1942 „politisch neutral“. Tatsächlich verweigert sich Siegfried mehrfach: 1921 lehnt er es ab, Juden aus Publikum und Kulissen auszuschließen; 1926 tritt er, anders als Winifred, nicht in die NSDAP ein, was Goebbels mit feminisierenden Spottversen quittiert; und 1929 legt er jedem Gast das Libretto seines neuen Werks Das Flüchlein, das jeder mitbekam auf den Teller, dessen Bösewicht, ein Räuberbaron namens Wolf, Hitlers Spitznamen trägt. Das Stück wurde nie aufgeführt.

Kein Widerstandskämpfer

Siegfried stirbt 1930 an einem Herzinfarkt während der Tannhäuser-Proben, nur vier Monate nach seiner Mutter. Ausgangspunkt für Solveigs Interesse ist die Ausstellung des Schwulen Museums* Berlin von 2017, die mit hoher Sicherheit von einem homosexuellen Mann spricht. Zum Widerständler macht ihn das nicht. Sein Antisemitismus kommt schnell hoch, sobald er kritisiert wird (etwa in einem Brief an den Bayreuther Rabbiner Falk Salomon). Erst nachdem er Hitlers Schriften las, soll deren exterminatorischer Antisemitismus ihn zu einem bekennenden „Philosemitismus“ bewegt haben – der, wie Solveig betont, dieselben Stereotype nur positiv wendet und deshalb keine echte Lösung ist. Der Kern der Folge ist genau diese Uneindeutigkeit: Siegfried ist weder rein noch verkommen, sondern tief in seiner Bayreuther Bubble verankert – bequem abgesichert durch Geld, das auch Erpresser zum Schweigen bringt, und geformt von einer Ideologie, ohne sie mit Leidenschaft zu vertreten. Die Bubble verließ er nur einmal, mit Clement Harris, der ihm bei antisemitischen Äußerungen widersprochen haben soll. Zum Schluss der Blick nach vorn: Erst Urenkel Gottfried Wagner rechnete 1997 mit Wer nicht mit dem Wolf heult öffentlich ab, und die heutige Festspielleiterin Katharina Wagner zeigt sich offener – sichtbar an der zunächst zurückgezogenen, dann erneuerten Einladung Michel Friedmans.


Siegfried WagnerKomponist, Dirigent, Bayreuther Festspielleiter (1906–1930); einziger Sohn Richard Wagners; Zentrum dieser Folge
Richard WagnerKomponist, Verfasser der Hetzschrift Das Judenthum in der Musik; Vater Siegfrieds
Cosima WagnerZweite Frau Richard Wagners, „die hohe Frau“, Festspielleiterin nach 1883
Felix Mendelssohn BartholdyKomponist, von Wagner im Judenthum in der Musik namentlich abgewertet; getauft
Clement HarrisBritischer Pianist, enger Freund Siegfrieds; fällt 1897 im türkisch-griechischen Krieg
Houston Stewart ChamberlainRassetheoretiker, Verfasser der Grundlagen des 19. Jahrhunderts; Schwiegersohn Cosimas
Arthur de GobineauFranz. Rassentheoretiker, Ideengeber Chamberlains
Philipp zu EulenburgDiplomat, Gobineau-Verehrer, Bindeglied zwischen Wilhelm II. und Bayreuth
Maximilian HardenJournalist (Die Zukunft), prägte das Wort vom „Heiland aus andersfarbiger Kiste“; getaufter Jude
Winifred WagnerEhefrau Siegfrieds, Hitler-Verehrerin, Festspielleiterin nach 1930
Alfred RosenbergNS-Ideologe, von Chamberlain beeinflusst (Der Mythos des 20. Jahrhunderts)

Verwandte Folgen

Literatur (in der Folge genannt)

  • Achim Bahr (Hrsg.): Siegfried Wagner. Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste (Neue Schriftenreihe der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft). Are Musik Verlag, Mainz 2017. – Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung des Schwulen Museums* Berlin (17.02.–26.06.2017).
  • Richard Wagner: Das Judenthum in der Musik (1850, erweitert 1869).
  • Houston Stewart Chamberlain: Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts (1899).
  • Arthur de Gobineau: Über die Ungleichheit der Menschenracen (frz. Essai sur l’inégalité des races humaines, 1853–1855).
  • Alfred Rosenberg: Der Mythos des 20. Jahrhunderts (1930).
  • Siegfried Wagner: Erinnerungen (postum veröffentlichte Memoiren).
  • Gottfried Wagner: Wer nicht mit dem Wolf heult. Autobiographische Aufzeichnungen eines Wagner-Urenkels. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997.

Im Nachklapp für unsere Steady-Unterstützer:innen geht es um die Vergebliche Hoffnung der Haskala.

Kontakt und Unterstützung

Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir – an kontakt@flurfunk-geschichte.de.

Unterstützen kannst du uns über Ko-fi oder regelmäßig durch eine Mitgliedschaft bei Steady. Als Dankeschön für deine regelmäßige Unterstützung erhältst du Zugang zu unseren Bonus-Folgen „Nachklapp“ mit noch mehr Hintergrund zum Thema der jeweiligen Folge.

Weitere Hintergrundinfos gibt es bei Facebook, Instagram und Threads.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert