72 – Friedrich Barbarossa – Der Kaiser, der kniete

Ein Kaiser kniet vor seinem Vasallen, fleht ihn an – und wird trotzdem abgewiesen. Diese Szene aus dem Jahr 1176 gilt spätestens seit dem 19. Jahrhundert als eine der großen Demütigungen der deutschen Geschichte. Guido Knopp nannte sie 2008 „eines der spektakulärsten Ereignisse der Weltgeschichte“. Doch genau diese Wahrnehmung – wer sich hier eigentlich blamiert hat – ist der Ausgangspunkt der Folge: Solveig nimmt den sogenannten Kniefall von Chiavenna zum Anlass, ganz grundsätzlich zu fragen, was im Hochmittelalter überhaupt als männlich, ehrenhaft und herrschertauglich galt. Ihre These: Nicht Barbarossas Kniefall war die eigentliche Schande, sondern dass sein Cousin Heinrich der Löwe sich weigerte, Erbarmen zu zeigen. Wer hier also wirklich gedemütigt wurde, hängt ganz davon ab, mit welchem Männlichkeitsbild man an die Quelle herangeht – und das des 19. Jahrhunderts unterscheidet sich fundamental von dem des 12.

Chiavenna 1176: Was ist überliefert?

1176 bittet Friedrich I. Barbarossa seinen Cousin Heinrich den Löwen in Chiavenna um Waffenhilfe gegen den Lombardischen Städtebund – und Heinrich sagt Nein. Wir vergleichen zwei Chroniken aus etwa derselben Zeit: Otto von St. Blasien erzählt nur von einem Streit und Heinrichs Abreise, kein Kniefall. Erst Arnold von Lübeck, rund 30 Jahre nach dem Ereignis, liefert die dramatische Eskalationsstufen-Erzählung: erst Schmeichelei, dann die Erinnerung an geschworene Eide, dann die Bitte als Freund, als Verwandter, als König – und am Ende der Fußfall des Kaisers, den Heinrich unbeeindruckt lässt. Solveig liest das nicht als verlässlichen Tatsachenbericht, sondern als literarisch komponierte Fallgeschichte über Heinrichs Hochmut, geschrieben mit dem Wissen, wie dessen Karriere endet.

Zwei Cousins, ein Doppelherzogtum

Um zu verstehen, worum es in Chiavenna wirklich ging, blicken wir zurück auf die verwickelten Familienverhältnisse der Staufer und Welfen: Barbarossas Mutter Judith und Heinrichs Vater Heinrich der Stolze sind Geschwister, und der Streit ums Doppelherzogtum Sachsen-Bayern zieht sich durch eine ganze Generation, bis Barbarossa 1152 seine Wahl mit dem Versprechen absichert, Heinrich beide Herzogtümer zu geben. Wir folgen den beiden Cousins durch Jahrzehnte gemeinsamer Italienpolitik, durch das Kirchenschisma zwischen Alexander III. und Viktor IV., die verheerende Seuchen-Katastrophe vor Rom 1167 und schließlich zur Schlacht bei Legnano 1176, in der das kaiserliche Heer ohne Heinrichs Unterstützung vernichtend geschlagen wird.

Der Sturz Heinrichs des Löwen

Was danach kommt, erzählen wir chronologisch nach: Heinrichs wiederholtes Fernbleiben vom Hoftag, seine Ächtung 1180, das Exil bei seinem Schwager Heinrich II. von England und sein Feilschen mit Barbarossa um eine mögliche Rückkehr – lieber ein Teil der Herrschaft sofort oder alles später, wenn er mit auf Kreuzzug zieht? Heinrich entscheidet sich für Nein und England, bis hin zum Tod beider Männer und dem Streit um Philipp von Schwaben und Otto IV., der die nächste Generation prägt.

Der vermeintliche staufisch-welfische Gegensatz

Ein eigenes Kapitel widmen wir der Frage, wie aus dieser sehr persönlichen Fehde zweier Cousins im 19. Jahrhundert der große „staufisch-welfische Gegensatz“ wurde – eine nationalistische Projektion, die mit dem tatsächlichen Guelfen-und-Ghibellinen-Konflikt in Italien nicht das Geringste zu tun hat, aber bis in die Selbstinszenierung des Kaiserreichs als Gegensatz zwischen Preußen (den „neuen Staufern“) und dem Haus Hannover (den Welfen) fortwirkt. Daniel erinnert dabei an die Kaiserdeputation von 1849, die in Braunschweig Abbitte für Heinrichs „Verrat“ leistete.

Der maskuline Mann des Mittelalters

Den größten Teil der Folge verwendet Solveig darauf, ihre eingangs aufgeworfene These zu belegen: Das mittelalterliche Männlichkeitsideal des Hochadels war nicht Härte und Unnachgiebigkeit, sondern Demut, Güte, Mäßigung und Milde. Mit Belegen aus dem Nibelungenlied (die Szene um Rüdiger von Bechelaren), einer Ritterschlag-Beschreibung voller Seide und Freigiebigkeit und einem herrlich schlecht gelaunten Text von Bernhard von Clairvaux über eitle, hübsch gemachte Ritter zeichnet sie nach, wie unser heutiges Bild vom „harten“ mittelalterlichen Mann eher eine Erfindung der Aufklärung und des 19. Jahrhunderts ist – bei Historiker Knut Görich widerspricht sie dabei in einem Punkt ausdrücklich. Daniel bleibt trotz aller Argumente treu auf der Seite von Heinrich dem Löwen.


Friedrich I. BarbarossaRömisch-deutscher Kaiser ab 1155, Protagonist der Kniefall-Episode
Heinrich der LöweCousin Barbarossas, Herzog von Sachsen und Bayern
Arnold von LübeckChronist, einzige Quelle für den Kniefall (um 1210)
Lombardischer StädtebundBündnis norditalienischer Städte gegen Barbarossas Herrschaftsanspruch
Schlacht bei LegnanoVernichtende Niederlage des Kaiserheeres 1176
Guelfen und GhibellinenItalienischer Parteienkonflikt, oft fälschlich mit Staufern/Welfen gleichgesetzt
Bernhard von ClairvauxZisterzienser-Abt, Kritiker höfischer Ritterschaft
Knut GörichMediävist, führender Barbarossa-Forscher

Verwandte Folgen

Literatur (in der Folge genannt)

  • Alice Hesselmeier: Hilfsbuch für den Geschichtsunterricht an den unteren und mittleren Klassen der Gelehrten- und Realschulen und verwandten Lehranstalten Württembergs, 1897
  • Otto von St. Blasien: Chronik
  • Arnold von Lübeck: Chronik (entstanden um 1210)
  • Albert von Stade: Chronik
  • Burchard von Ursberg: Chronik
  • Das Nibelungenlied, 37. Aventiure
  • Lambert von Ardres: Historia comitum Ghisnensium (Geschichte der Grafen von Guînes)
  • Jean de Marmoutier: Historia Gaufredi ducis Normannorum et comitis Andegavorum (Geschichte Gottfrieds, Herzog der Normannen und Graf von Anjou)
  • Bernhard von Clairvaux: De laude novae militiae (Lob der neuen Ritterschaft)
  • Knut Görich: Jäger des Löwen oder Getriebener des Fürsten? Friedrich Barbarossa und die Entmachtung Heinrichs des Löwen, in: Staufer & Welfen. Zwei rivalisierende Dynastien im Hochmittelalter, hg. v. Werner Hechberger und Florian Schuller, Regensburg 2009, S. 98–117; sowie Tagungsband 2024 zu Herrschaft und Nichtentscheiden bei Barbarossa
  • Gerd Althoff: Spielregeln der Politik im Mittelalter, 1997

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