Wie unterbrechen unser Themenjahr der MÄNNER mit Sprengkraft, denn Solveig hat sich noch einmal Verstärkung geholt: Zu Gast ist Bianca Walther, die seit 2020 den Podcast Frauen von damals macht und im April ihr Buch Die Vorkämpferinnen. Wie aus vielen Frauen eine Bewegung wurde veröffentlicht hat.
Im Zentrum der Folge stehen zwei Frauen aus dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung: Minna Cauer und Alice Salomon. Dazwischen geraten wir – ungeplant – noch einmal ausführlich in eine Debatte über Helene Stöcker und am Ende in eine Auseinandersetzung mit dem Mythos Clara Zetkin.
Minna Cauer und der Verein Frauenwohl
Mit 77 Jahren gibt Minna Cauer bei den ersten Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung erstmals ihre Stimme ab und notiert in ihrem Tagebuch, sie habe „einen Dankbarkeitszettel eingeworfen“ – als „Republikanerin“, nicht aus Dankbarkeit für ein Geschenk. Dass ausgerechnet eine Frau, die das Wahlrecht selbst mit erkämpft hat, so formuliert, erklärt Bianca vor allem mit Cauers starker protestantischer Prägung als Pastorentochter: Gemeint ist wohl eher der Schöpfer als eine männliche Wohltat.
Zur Frauenbewegung fand Cauer erst spät. Ihr erster Mann kehrte traumatisiert aus dem Krieg von 1864 zurück und starb, ihr gemeinsames Kind war da bereits an Diphtherie gestorben. Erst nach dem Tod ihres zweiten Mannes, des Schulrats Eduard Cauer, fand sie in dessen Tagebuch den Satz, das Leben der Frauen müsse „erforscht und in einen geschichtlichen Zusammenhang gestellt werden“ – „die Aufgabe eines ganzen Menschenlebens“. Als eine Herrengruppe der Deutschen Akademischen Vereinigung nach einer Frau für eine Damensektion suchte, kam man auf die Witwe Cauer zu, und sie ließ sich, nach eigener, leicht kokettierender Darstellung, „breitschlagen“. Aus dieser Gruppe entstand 1888/89 der Verein Frauenwohl, den sie bis 1919 als „Kapitänin“ führte.
Im Verein selbst gab es reichlich Streit über die Ausrichtung: praktische Bildungs- und Unterstützungsarbeit wie bei anderen Vereinen – oder, wie Cauer es sah, die Rolle eines „Impulsgebers“, der andere Initiativen vernetzt und fördert, statt alles selbst zu machen? Aus diesem Streit erwuchs später der Verband fortschrittlicher Frauenvereine, der Dachverband des radikalen Flügels.
Was war eigentlich „radikal“?
Zeitgenössisch wurde der Begriff sowohl als Fremd- als auch als Selbstzuschreibung verwendet, etwa von Anita Augspurg. Die Beteiligten selbst sprachen lieber vom „linken Flügel“ oder von den „Progressiven“. Käthe Schirrmacher, die zunächst selbst zu den Radikalen zählte, brachte den Unterschied zu den Gemäßigten um Helene Lange und Gertrud Bäumer einmal musikalisch auf den Punkt: „Andante“ gegen „Allegro“ – weniger eine Grundsatz- als eine Tempofrage. Der radikale Flügel war klein genug, um dynamisch zu agieren, während sich der auf Konsens ausgerichtete Bund Deutscher Frauenvereine eher wie ein Tanker bewegte. So konnten Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann und Minna Cauer um 1900 einfach den ersten deutschen Frauenstimmrechtsverein gründen, ohne erst eine breite Mehrheit organisieren zu müssen.
Helene Stöcker und der Generationenkonflikt
Über Helene Stöcker wollten wir eigentlich gar nicht sprechen – sind aber hängengeblieben, weil sie sich als Musterfall für eine grundsätzliche Schwierigkeit anbietet: den Drang, historische Personen zu Idealfiguren zu machen, die sie nie waren. Stöcker setzte sich mit Magnus Hirschfeld für die Abschaffung des § 175 und für freie Liebe ein, war aber gleichzeitig von eugenischem Denken überzeugt – wenn auch strikt freiwillig und gegen Zwangssterilisation gerichtet. Ihre Zeitschrift nannte sie bewusst Die neue Generation, ein programmatischer Titel, mit dem sie sich von der älteren Frauenbewegung absetzte, ohne deren Kämpfe immer angemessen zu würdigen. Als NS-Verfolgte floh sie später nach New York und starb dort verarmt. Genau dieser Widerspruch macht sie zum Lehrstück: kein Freibrief zur nachträglichen Verdammung, sondern eine Mahnung, die eigenen blinden Flecken zu prüfen, bevor sie irgendwann von anderen instrumentalisiert werden.
Alice Salomon und die Soziale Frauenschule
Zweite große Figur der Folge ist Alice Salomon – für Bianca, müsste sie sich eine Lieblingsfrauenrechtlerin aussuchen, wäre es diese. 1872 geboren, kam Salomon über die Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit zur sozialen Arbeit, dieselben Gruppen, die auch Cauer unterstützt hatte. Unter dem Einfluss ihrer Mentorin Jeannette Schwerin wurde ihr früh klar, dass diese Arbeit professionalisiert und bezahlt werden musste. 1908 gründete sie die Soziale Frauenschule, aus der später die heutige Alice-Salomon-Hochschule wurde.
Die Gründung fällt in das Jahr der preußischen Mädchenschulreform, die Frauen zwar formal den Zugang zur Universität öffnete, aber – typisch Preußen – kein vollwertiges Mädchengymnasium einrichtete, sondern nur ein verlängertes „Lyzeum“ ohne Abitur. Aus diesem halbgaren Kompromiss machte Salomon eine professionelle, berufsvorbereitende soziale Ausbildung mit gesellschaftspolitischem Anspruch, die auch bürgerlichen Hausfrauen ein Bewusstsein für Herstellungsbedingungen und Konsum vermitteln sollte – ein Thema, das erstaunlich aktuell klingt.
1937 wurde Salomon aus Deutschland vertrieben – offiziell nicht primär wegen ihrer jüdischen Herkunft, sondern wegen ihrer internationalen, pazifistischen Kontakte. Zwischen ihrer letzten Vortragsreise in die USA und ihrer Ankunft dort als Geflüchtete liegen nur wenige Monate, aber Welten: Ihr internationales Renommee zählte als „Refugee“ plötzlich nichts mehr, einen festen Job hat sie in den USA nie wieder gefunden. Erst in den 1980er-Jahren, mit dem Aufbau des Alice-Salomon-Archivs durch Adriane Feustel, wurde ihr Wirken wieder aufgearbeitet; ihr Doktortitel wurde erst 1997 offiziell wieder anerkannt.
Bürgerlich gegen proletarisch – und der Mythos Clara Zetkin
Auf Social Media werden bürgerliche und proletarische Frauenbewegung gern gegeneinander ausgespielt, die „guten“ Sozialistinnen gegen die „bösen“ Bürgerlichen – ein Muster, das aktuelle feministische Debatten auf eine ganz andere historische Konstellation überträgt. Bianca betont: Clara Zetkin initiierte den Internationalen Frauentag nicht allein. Der Impuls kam von der jüdisch-ukrainischstämmigen amerikanischen Gewerkschafterin Theresa Serber Malkiel, die 1909 in New York den ersten National Woman’s Day organisierte. Zetkin brachte den Vorschlag erst 1910 in Kopenhagen ein – mit ihrem Namen verlieh sie dem Antrag Gewicht, initiiert hat sie ihn nicht.
Auch Zetkins spätere politische Entwicklung zeichnen Bianca und Solveig nach: ihre Nähe zu Moskau trotz eigener Zweifel an Stalin, ihre Ablehnung der Weimarer Demokratie zugunsten eines „Sowjetdeutschlands“, ihre scharfe Kritik an Genossinnen, die ihr nicht „theoretisch genug geschult“ erschienen. In der DDR wurde sie später vor allem als Unterstützerin der Roten Hilfe gefeiert, als Frauenrechtlerin erst spät und zögerlich – ein Befund, der zu denken gibt.
Gleichzeitig gab es durchaus Zusammenarbeit über die Lagergrenzen hinweg – bei der Heimarbeit, beim Familienrecht des BGB, am Ende auch beim Stimmrecht. Und es gab auch innerhalb der bürgerlichen Bewegung Frauen wie Margarete Friedenthal, die ihre eigenen Standesgenossinnen scharf für bevormundende Wohltätigkeit kritisierten, wenn diese an den betroffenen Arbeiterinnen vorbei handelten. Am Ende bleibt der Wunsch, die Geschichte der Frauenbewegung(en) nicht auf heutige Lagerkämpfe zu projizieren, sondern die tatsächlichen Schulterschlüsse sichtbar zu machen – gerade weil sie so wenig selbstverständlich waren.
| Minna Cauer | Gründerin des Vereins Frauenwohl, radikaler Flügel der Frauenbewegung |
| Alice Salomon | Gründerin der Sozialen Frauenschule, Pionierin der sozialen Arbeit als Beruf |
| Helene Stöcker | Radikale Frauenrechtlerin, Mutterschutzbewegung, freie Liebe |
| Clara Zetkin | Sozialistische Frauenrechtlerin, Mitinitiatorin des Internationalen Frauentags |
| Anita Augspurg | Mitgründerin des ersten deutschen Frauenstimmrechtsvereins |
| Lida Gustava Heymann | Lebensgefährtin Augspurgs, radikale Frauenrechtlerin |
| Helene Lange | Galionsfigur der gemäßigten Frauenbewegung |
| Käthe Schirrmacher | Frauenrechtlerin zwischen radikal und gemäßigt |
| Luise Otto-Peters | Mitgründerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins 1865 |
| Theresa Serber Malkiel | US-Gewerkschafterin, Initiatorin des ersten National Woman’s Day 1909 |
| Marianne Hapig & Marianne Pünder | Katholische Widerstandskämpferinnen im NS, „die beiden Mariannen“ |
| Ellen Ammann | Katholische Frauenbewegung Bayern, beantragte 1923 Hitlers Ausweisung |
| Friedrich III. & Victoria (Kaiserin) | Kurzzeitiges Kaiserpaar 1888, Hoffnungsträger der Liberalen |
Verwandte Folgen
- FP08 – Louise Otto auf der Damengalerie (Flurfunk Paulskirche) — Diese Folge zeigt, wie Frauen die Debatten der Nationalversammlung von der Damengalerie aus verfolgten, und stellt mit Louise Otto die prominenteste Streiterin für politische Teilhabe von Frauen vor.
- FG032 – Bürgerliche Frauenbewegung — Erster Teil unseres Dreiteilers zur Frauenbewegung im 19. Jahrhundert: der Kampf der bürgerlichen Frauen um Bildung.
- FG033 – Proletarische Frauenbewegung — Zweiter Teil: die Arbeiterinnenbewegung um Clara Zetkin und ihr Verhältnis zu den bürgerlichen Frauenvereinen.
- FG034 – Radikale Frauenbewegung (Link nach Namensmuster ergänzt, bitte vor Veröffentlichung gegenprüfen) — Dritter Teil: der radikale Flügel um Minna Cauer und Anita Augspurg, der direkte thematische Unterbau dieser Folge.
- FG020 – Die Farbe Lila — Für alle, die tiefer in die Geschichte feministischer und queerer Farbsymbolik einsteigen möchten, unter anderem mit Bezug zu Magnus Hirschfeld, der auch in dieser Folge im Exkurs zu Helene Stöcker eine Rolle spielt.

Bianca Walther: Die Vorkämpferinnen. Wie aus vielen Frauen eine Bewegung wurde.
S. Fischer Verlag, 2026,
368 Seiten,
ISBN 978-3-10-397752-3.
Im Nachklapp für unsere Steady-Unterstützer:innen sprechen wir mit Bianca über Dankbarkeit, Erleichterung und Wut.
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